Schulgeschichte

Im November 2006 begingen wir die 40-Jahr-Feier der Gründung der Schule am Silahopp. Schule in Maulbronn gab es allerdings schon viel früher.

 

Auf den folgenden Seiten kann man alles über die Geschichte der Schule in Maulbronn und über die jüngere Geschichte der Schule am Silahopp erfahren.

 

 

Wie alles begann, steht witer unten auf dieser Seite.

 

... und hier gibt es ganz viele Bilder

Neubau 1966

Grundsteinlegung

Rohbauphase 65/66

Richtfest Juli 1965

Technikanbau 1979

 

Wie alles begann

 

Im Schuljahr 1991/1992 feierte die Schule am Silahopp 25 -jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass wurde zur Geschichte der Schule geforscht und interessante Dinge zu Tage gefördert. Im Folgenden steht nun der Bericht von 1992, wie er damals in der Festschrift erschien:

Maulbronner Schulklasse 1919
Maulbronner Schulklasse 1919

Einige lokalgeschichtliche Anmerkungen zur Volksschule in Maulbronn

Auf der Suche nach Spuren der ersten Volks­schule Maulbronns stößt der Leser in den Ak­ten zunächst auf das im Januar 1892 abge­brannte Pfründhaus, das Abt Johann von Gelnhausen (Abt Johann 11.) im Jahre 1430 als Infirmitorium für die "Siechen" und Kran­ken, womit ursprünglich vor allem an die Mönche und die Laienbrüder gedacht war, hatte erbauen lassen. In dem großräumigen, dreistöckigen Gebäude von 30 m Länge, in dessen steinernem Untergeschoß und in des­sen beiden vorgekragten, starkeichenen Stockwerken eine Badeeinrichtung und kurz vor dem Brand noch 16 Familien Platz fan­den, war bis 1760 "die zunächst an der Haus­tür und Stiegen befindliche teutsche Schule" untergebracht," die nicht geringe Incommodität hat", wie sich 1757 der Schulmeister be­klagte.

Seit welchem Jahr genau das Pfründ­haus auch als Schule diente, hat sich bislang leider nicht feststellen lassen; fest steht nur, dass das Pfründhaus auch nach dem Dreißig­jährigen Krieg noch seinem ursprünglichen Zweck zur Aufnahme Pflegebedürftiger dien­te. Am 5. März 1675 starb in Maulbronn "Jo­hann Christoph Schmied, gewesener reisiger Schultheiß zu Görlingen, Pfründner allhier." Und am 22. Juni 1688 starb in Maulbronn Hans Friedrich Notz, "hiesiger Pfründner". Nach diesem Tag werden - laut Forstmeister Rümelin aus Lienzingen - in den Kirchenbü­chern keine Pfründner mehr genannt. Knapp sechzig Jahre später, 1747, ist das Pfründ­haus bereits ganz von Klosteroffizianten und Weingärtnern bewohnt. In den Jahren 1756 bis 1759, in denen in den Akten auch erst­mals eine Schule im Pfründhaus erwähnt wird, ist das Gebäude mit 9 bzw. 10 Haushal­tungen belegt, die zwischen 47 und 57 See­len zählen. Trotz der Größe des Pfründhau­ses geht es in diesen Jahren eng her und der Schulmeister führt im Seelenregister zuwei­len bewegliche Klage über die Raumnot. Ob­schon an eine Änderung gedacht wird, ist 1758 noch alles beim alten:

" ... daß also der Endzweck durch Einrich­tung neuer Wohnungen in der Schmidtin die Innwohner dieses baufälligen Hauses (Anmerkung: gemeint ist das Pfründhaus) zu verhindern und der Schule besser Ruhe und Sicherheit zu verschaffen da­to noch nicht erreicht worden."

1759 klagt der Schulmeister wei­ter und fügt noch hinzu:

" ... und das Kloster in welchem gleichwohl verschiedene Hono­ratioren wohnen, die ihre Kinder in die teutsche Schule schicken, wohl ein besseres Schulhaus nach dem der erneuerten Schul­ordnung prämittierten Gnädig­sten Generali meritierte."

Und in der Tat: bereits ein Jahr später dürfen die Kinder der "Ho­noratioren", aber glücklicherweise auch die anderen, die ein besseres Schulhaus eigentlich nicht so ver­dienen, in das erneuerte Wein­garthaus im Klosterhof umzie­hen, das neben dem Weingart­meister auch dem Schulmeister eine neue Wohnung beschert. (Die Grenzen zwischen Diploma­tie und Unterwürfigkeit waren zwar schon immer eng gesteckt, aber der Schulmeister, dessen hartnäckige Klagen und wohlkal­kulierte Ergebenheitsadressen letztendlich Erfolg hatten, scheint ein kluger Mann gewe­sen zu sein.) Das erneuerte Wein­garthaus im Klosterhof, bietet den Maulbronner Volksschülern also in den folgen­den Jahren Unterschlupf. Als Schule muss das Gebäude lange Zeit ein Provisorium gewe­sen sein, denn nach der 'Beschreibung der Dienstwohnung für den ersten ständigen Leh­rer in Maulbronn' aus dem Jahr 1909 ist das Gebäude erst 1836 "von der bürgerlichen Ge­meinde Maulbronn vom Staate käuflich erwor­ben und als Schulhaus eingerichtet" worden.

Das Pfründhaus um 1860
Das Pfründhaus um 1860

"Es liegt im Klosterhofe in unmittelbarer Nähe der Klosterkirche und hat die Haus­nummer 7. Auf 3 Seiten ist das Haus frei­stehend. Es schließen sich an: westlich der "Fruchtkasten" , nördlich der Raum des Klo­sterhofes, im Osten führt der Aufgang zur Hauptstraße, das "Schulbergele" am Hause vorüber und im Süden des Hauses wird es ebenfalls von einem schmalen Streifen Hof­raum begrenzt ( ... )"

Über die Bauart des Hauses erfahren wir

"Außenwände im Erdgeschoß massiv und verblendet; im übrigen Riegelfachwerk und verblendet. Zimmerwände im Unterge­schoß massiv, im übrigen Riegelfachwerk, das Dach ein Satteldach mit Dachplatten doppelt eingedeckt."

Komfortabel ist diese Schule nicht; schon gar nicht gemessen an den Ansprüchen unserer Zeit. Die Räume sind dunkel und klein; wenn nicht geheizt wird, was ohnehin nur während des Winters ständig der Fall ist, kann es an regnerischen Tagen sehr kalt werden; im Sommer hingegen ist es an manchen Tagen drückend heiß. Der "Abtritt" und die Gerü­che, die er verursacht, sind bei den Visitatio­nen ein immer wieder erwähntes Ärgernis.

So verlangt zum Beispiel das Protokoll der Ortsschulbehörde vom 18. April 1876 "genü­gend Ventilation und Desinfektion"des "Schul­abtritts"; gegen die "großen Übelstände" am gar nicht so lieblichen Ort empfiehlt der Schulinspektor "als das beste Mittel Cement und Backsteine". Grund zur Klage gibt es im Lauf der Jahrzehnte also auch hier, aber eine Verbesserung im Vergleich zu den Zuständen im Pfründhaus stellt diese Behausung allemal dar. Geradezu idyllisch zeichnet Musik- und Turnlehrer Haasis vom Seminar das Bild, das sich um 1886 einem Betrachter des Kloster­hofs an einem Schultag geboten haben muss:

"In den Pausen bot der Klosterhof und ins­besondere das Paradies ein bunt bewegtes Bild. Die einen der Kinder verzehrten in Ru­he ihr Vesperbrot; Mädchen schließen sich zu einem Reigen zusammen, die Kinder spielen Ball, andere versuchen ihre Künste am Barren und Reck des Turnplatzes oder tummeln sich im Paradies, bis das Glöck­lein des ständigen Lehrers ertönt und die ganze Schar sich militärisch in Paaren hin­tereinander aufstellte, um auf das zweite Zeichen streng geordnet die Schulzimmer aufzusuchen. "

Sobald die Pause vorüber war, so liest man, herrschte Zucht und Ordnung, auch in den Klassenzimmern. In der 'Verfügung des K. Mi­nisteriums des Kirchen- und Schulwesens, be­treffend die Einrichtung der Schulhäuser und die Gesundheitspflege in den Schulen' vom 28. Dezember 1870 ist unter Abschnitt 10, § 35 genau festgelegt, wie sich die Schüler in der Schule zu (ver-)halten haben:

"Beim Gehen und Stehen soll von den Schülern eine gerade und aufrechte, jede Schlaffheit vermeidende Haltung verlangt werden. Beim mündlichen Unterricht, wo die Schüler sich bloß zuhörend oder spre­chend, ohne Gebrauch eines Lehrmittels verhalten, sollen die Schüler gerade sitzen, so dass die Rückgratslinie sich in senkrech­ter Stellung befindet und der Rücken im Kreuz eingebogen ist. Das Verstecken der Hände unter der Tischplatte oder in den Ta­schen, sowie jede unangemessene oder unanständige Stellung der Beine ist nicht zu dulden."

Wer dennoch "schlaff" war, seine Hände ver­steckte oder seine Beine "unanständig" stell­te, sich zudem noch durch 'beharrlichen Un­fleiß" auszeichnete und "unter 14 Jahren" alt war, musste mit der "Anwendung körperlicher Züchtigung" rechnen. Auch für diesen Fall, der an den Schulen des Königreichs Württem­berg gar nicht so selten war, ist wieder alles genau - diesmal durch den Paragraph 38 - ge­regelt.

"Es darf bloß ein dünnes Stäbchen von 0,5 Meter Länge gebraucht werden; die Schlä­ge sind auf die inneren Handflächen zu ge­ben; auch hat der Lehrer hierbei stets auf die individuelle körperliche Beschaffenheit des zu strafenden Schülers die gebührende Rücksicht zu nehmen. Bei älteren Schülern darf die Strafe mehr als 4 Streiche, bei jün­geren mehr als 2 Streiche nicht überstei­gen. Das Stöckchen soll an einem geeigne­ten Orte aufbewahrt und erst zum jedesma­ligen Strafvollzug herbeigeholt werden."

Dass das gefürchtete Bambusstöckchen aus dem Musikschrank - je nach Temperament und forensischer Energie eines Lehrers oder einer Lehrerin - auch mal länger als 1/2 Me­ter war und bisweilen auch öfters als viermal auf die Handinnenfläche, wenn nicht gar auf den Handrücken niedersauste, hat wohl man­cher ältere Bürger noch in leidvoller Erinne­rung. Ob der Unterricht eher einem Dressur­akt im Raubtierkäfig glich oder in vertrauens­voller, relativangstfreier Atmosphäre statt­fand, wird im 19. Jahrhundert weit mehr noch als heute vom jeweils einzelnen Lehrer abhängig gewesen sein, in Maulbronn und an­derswo. Welche Fächer wurden nun aber vor allem an der Volksschule unterrichtet?

Eugen Schmid unterscheidet in seiner ' Ge­schichte des württembergischen Volksschul­wesens von 1806 bis 1910' Schulfächer "im allgemeinen" und "im besonderen". Rangmä­ßig angeordnet nach ihrer Bedeutung zählen im Jahr 1876 zu den Fächern "im allgemei­nen":

1. Memorieren das Zeugnis;

2. Lesen;

3. Biblische Geschichte;

4. Singen;

5. Realien (z.B. Geographie u. Geschichte);

6. Schön­schreiben;

7. Rechnen;

8. Rechtschreiben;

9. Sprachlehre;

10. Aufsatz.

Als Schulfächer "im besonderen" werden - oh­ne Rangordnung - genannt:

a. der Turnunterricht;

b. Unterricht in weib­lichen Handarbeiten;

c. Unterricht in Hand­fertigkeiten für Knaben;

d. Hauswirtschaftlicher Unterricht.

Weingarthaus im Klosterhof
Weingarthaus im Klosterhof

Ob manche Fächer auch wirklich unterrichtet werden konnten, war vor allem von personel­len und - womit der Faden wieder aufgenom­men werden kann - räumlichen Voraussetzun­gen abhängig. In Maulbronn möchte man En­de des 19. Jahrhunderts eine 3. LehrersteIle einrichten, was aber wegen eines fehlenden Raumes nicht durchgeführt werden kann. In alten Schulprotokollen ist 1887 erstmals von der Notwendigkeit eines Neubaus die Rede. Eine im gleichen Jahr abgehaltene Medicinal­-Visitation bezeichnet die Maulbronner Schul­verhältnisse als unhaltbar. Der Gemeinderat ist sich einig: Es muss eine neue Schule ge­baut werden. Die Suche nach einem geeigne­ten Bauplatz gestaltet sich schwierig. Der ur­sprüngliche Plan, "links vom Weg zum Ober­amt gegenüber von der Seminarspeisung an die Klostermauer anlehnend" zu bauen, wird bald aufgegeben; stattdessen wird der Platz in den Kapellengärten als der passendste ins (Verhandlungs-)Spiel gebracht, das sich zwi­schen dem Gemeinderat, dem Finanzministe­rium bzw. der Domänendirektion in Stuttgart und dem Konsistorium bzw. Gemeinschaftl. Oberamt ziemlich in die Länge zieht, bis je­der seine Wünsche geäußert und seine Trümpfe ausgereizt hat. Schließlich wird die Entscheidung getroffen, in den Kapellengärten zu bauen. Im Herbst 1890 wird der Grundstein für das neue Schulhaus gelegt, und nach zweijähriger Bauzeit kann am 5. September 1892 das neue Haus eingeweiht werden. Im Protokoll heißt es:

"Als Tag der Einweihung des neuen Schul­hauses wird der 5. Sept. (Montag) be­stimmt mit Anfang um 10 Uhr. Es sollen ge­laden werden: Prälat Sandberger in Heil­bronn Bezirksschulinspektor, Oberamt­mann, Oberamtsarzt, sodann in gedruckten Einladungen die Geistlichen Lehrer und Ortsvorsteher des Bezirks, endlich im Blatt die Eltern der Kinder und Freunde der Schule."

Wie eine Einladungsliste zu vergleichbarem Anlass wohl heute aussieht? Was hat sich ver­ändert, was ist geblieben? Stoff genug für ei­ne Geschichtsstunde, die nicht einmal lang­weilig sdn müßte.

In der neuen Schule befinden sich vier Klas­senzimmer, in denen ein ständiger und ein unständiger (ab 1904 zwei unständige) Leh­rer cirka 260 Schüler unterrichten. Nach ei­nem Gemeinderatsbeschluss vom 8. März 1892 wird die "fixe Besoldung" des "ersten Schullehrers", der besonders in "Realfächern, namentlich Zeichnen", befähigt sein soll, auf 1100 Mark jährlich einschließlich "Fruchtbe­soldung" festgesetzt. "Für die Erteilung eines besonderen Realunterrichts" von mindestens 6 Wochenstunden erhält er zusätzlich 5 Mark pro Wochenstunde, wenn er "die Befähigung zur Erteilung französischen Unterrichts besitzt."

Das große Interesse für die sogenannten "rea­listischen Fächer", die den Fächerkanon an der Volksschule anreichern sollen, hält in Maulbronn nicht lange vor und schon im Jahr 1900 ist die Zahl der für den 'realisti­schen' Unterricht in Frage kommenden Schü­ler so gering, dass nur noch der Zeichenunter­richt weitergeführt wird. Mit der Errichtung der Realschule 1902 wird der realistische Un­terricht ganz aufgegeben.

Neben der Realschule finden im Lauf der Jahre auch die Hauswirtschaftsschule mit Handar­beitsunterricht (1924) und die Gewerbeschule (1925) Unterkunft im Schulgebäude, während sich die Einrichtung einer Industrie- und Ar­beitsschule für erwachsene Mädchen (1896) wegen zu schwachen Besuchs nicht bewährt.

 

Möchte man über die Statistik hinaus etwas über den Schulalltag in Maulbronn in den er­sten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts erfah­ren, so empfiehlt sich ein Blick in das 'Ver­zeichnis der vom Schulvorstand gemachten Schulbesuche'.

Der Schulvorstand macht während seiner rund 130 Besuche in den Jahren 1910 bis 1925 relativ wenige "Bemerkungen"; umso aufschlussreicher sind jene, die er macht. Der Le­ser erfährt immerhin, dass der Schulrat am 1. Dezember 1910 im Klassenzimmer das" Ther­mometer für ungenügend befunden" und "er­setzt" hat. Am 31. Januar 1911 bemängelt er, dass "hinter dem Ofen ( ... ) Papierabfälle la­gern, und er regt an, "eine Kiste oder einen Papierkorb" anzuschaffen. Im Schönschrei­ben wurden statt der vorgeschriebenen 10-li­nigen Hefte (Latein) 9-linige angetroffen.

Ein solches Versäumnis wiegt schwer und wird den verantwortlichen Lehrer gewiss in tiefe Zer­knirschung gestürzt haben; dass der Schulvor­stand aber auch noch verlangt "Das Hörli'sche Bild soll von der Wand entfernt werden", wird den wahrscheinlich noch jungen Lehranwärter, der innerhalb von zwei Monaten sechs Mal besucht wurde, manche schlaflose Nacht ge­kostet haben. Ist es schon eine Anwandlung verzweifelten Trotzes, wenn derselbe Lehrer dem Schulvorstand bei seinem nächsten Be­such gar zu widersprechen wagt? Da schlägt dieser nämlich vor, die Schülerin Sophie F. zurückzuversetzen, weil sie "keine 2 stellige Zahl schreiben könne", woraufhin der Lehrer lapidar erwidert, "es wäre auch in KI. III mit ihr nichts anzufangen." Am 10. Mai 1913 ist "der Boden des Schullokals mit Papierschnit­zeln ganz bestreut", weil die "Fortbildungs­schüler ( ...) tags zuvor ihre Schulhefte zerris­sen" haben. Das muss den Schulrat naturge­mäß erbost haben, was aber bedeutet folgen­de merkwürdige Äußerung vom 7. Juli 1924:

"lch bin schon eine Weile da."

Schulklasse 1947. Reihe oben von rechts nach links: Lehrer Schrack, Heinz Belzner, Hans Auf, Gerhard Wagner, Reinhard Notter, Walter Manthey, Dagobert Neu. Mitte: Franz Fuchs, Wilhelm Buchner, Eberhard Hartmann, Kar! Oßwald, Walter Betz, Walter Belzner, H
Schulklasse 1947. Reihe oben von rechts nach links: Lehrer Schrack, Heinz Belzner, Hans Auf, Gerhard Wagner, Reinhard Notter, Walter Manthey, Dagobert Neu. Mitte: Franz Fuchs, Wilhelm Buchner, Eberhard Hartmann, Kar! Oßwald, Walter Betz, Walter Belzner, H

War der Schulrat etwa in die Klasse getreten und dieselbe hatte - eine Ungeheuerlichkeit ­sein Kommen gar nicht zur Kenntnis genom­men? Oder war im Gegenteil der Unterricht so störungsfrei und deshalb für ihn langweilig verlaufen, dass er wenigstens das bedeutsam­ste Ereignis dieser Stunde schriftlich dokumentieren musste: seine eigene Anwesenheit? Wie auch immer: die hohen Herren von der Schulaufsichtsbehörde sah (und sieht man) ­hier herrscht(e) seltene Einmütigkeit zwi­schen Schülern und Lehrern - am liebsten von hinten.

Nachdem am 31. Mai 1930 das neu erbaute Krankenhaus im Gewann "Billensbacher" be­zogen wurde, konnte das freigewordene alte Krankenhaus in der Frankfurter Straße, das im gleichen Jahr wie das Schulhaus, 1892, eingeweiht worden war, auch als Amts- und Schulgebäude genutzt werden.

Neben der Kreispflege und dem Jugendamt wurde für die Ländlich Hauswirtschaftliche Berufsschu­le eine Lehrküche eingerichtet. Nach der Auf­lösung des Oberamts, 1938, zog auch die Ge­werbliche Berufsschule, die von Knittlingen nach Maulbronn verlegt worden war, ins ehe­malige Krankenhaus ein. Daneben diente es als Lehrlingsheim für die Firmen Schenk und Burrer. Viele Flüchtlinge fanden nach dem zweiten Weltkrieg ihre erste Unterkunft in die­sem Gebäude, in dem zeitweilig (bis 1949) auch die neugegründete, alsbald wieder aufge­löste Firma Ratzel Raum beanspruchte.

Als die Einwohnerzahl Maulbronns in den Nachkriegsjahren rapide zunahm und die Schulraumnot immer größer wurde, fassten Gemeinderat und Bürgermeister den Entschluss, das alte Krankenhaus so umzubauen, dass neben der Gewerblichen und Ländli­chen Hauswirtschaftlichen Berufsschule auch das Pro­gymnasium, das sich bislang mit einem einzigen Raum im oberen Schulhaus hatte be­gnügen müssen, und zwei Klassen der Volksschule ein­ziehen konnten. Allein bei den beiden Klassen blieb es nicht: Die Volksschule dehnte sich zusehends aus, und Mitte der sechziger Jahre war die ganze Oberstufe, das sind die Klassen 5 bis 8. ab 1966 auch die Klasse 9, im umgebauten Krankenhaus untergebracht.

Durch den Umbau des alten Krankenhauses war zwar die größte Raumnot kurzzeitig behoben, aber es konnte für Schüler und Lehrer keine dauerhafte Lösung sein, da die Schule jetzt in zwei, weit voneinander liegende Schulhäuser gespalten war. Nach wie vor ­fehlten Fachräume und auch die Klassenzimmer waren zum Teil viel zu klein. Am 25. Mai 1960 entscheidet der Maulbronner Ge­meinderat, auf dem von der Stadtverwaltung erworbenen 180 ar großen Silahopp- Gelände ein neues Schulgebäude zu bauen, das sich architektonisch als ein Bindeglied zwischen der Stadt Maulbronn mit dem Kloster und dem Krankenhaus einerseits und dem modernen Wohngebiet 'Schefenacker' andererseits er­weisen soll. Mit der Planung wird nach einem ­öffentlichen Wettbewerb der freie Architekt Schäffler aus Wilsbach bei Heilbronn betraut. dem als örtlicher Bauleiter der Maulbronner Architekt Gerhard Schwilk zur Seite steht. Bevor nun aber das neue Schulgebäude auf dem  Silahopp ins Blickfeld gerät und damit ­ein neues Kapitel der Maulbronner Schul­geschichte beginnt, soll zuvor ein letzter Blick auf das alte Schulhaus geworfen werden, wie es sich vor seinem Umbau zum Progymnasium den Blicken der (Grund-)Schüler darstellte. Kurz vor der Einweihung des neuen Schulgebäudes auf dem Silahopp, die am 4.11.1966 stattfand, hatte ein weit blickender  Pädagoge seinen Grundschülern folgendes Aufsatzthema gestellt: "Was mir an der alten Schule nicht gefällt!"

Das war - zugegebenermaßen - das Thema der Stunde. - Stellt man sich nun als eher et­was verbummelter Zeitgenosse auch noch vor, ein Schulvisitator des einstigen Ober­amts machte zur Inspektion einen letzten Rundgang durch das alte Schulhaus, das im­merhin 74 bewegte Jahre Pädagogik ertra­gen hatte, und fertigte dabei an hand der Schülerkommentare eine Mängelliste mit 10 Punkten an, so hätte die etwa folgendes Aus­sehen:

Altes Schulhaus - Stuttgarter Straße 1965
Altes Schulhaus - Stuttgarter Straße 1965

1. Das alte Schulhaus ist über 70 Jahre alt, aber man meint, es wäre 1000 Jahre alt.

2. Der Hof ist mit Kieselsteinen bedeckt. Oft fällt einer auf den Kopf, dass er blutet.

3. Das Treppenhaus ist wüst und hat alte krumme Stufen. Die Treppen sind so ausgetreten, dass sie jeden Augenblick durchbrechen können.

 

4. Es sind aber auch Löcher und Riße in den Wänden.

5. Mit Grauen denken wir an unsern Abort. Dort stinkt es wie die Pest, nur die Spinnen fühlen sich wohl darin.

6. Oben ist eine uralte Türe, sie krächzt un­möglich, wenn man sie auf und zu macht.

7. Der eiserne Ofen in unserem Klassenzim­mer ist ein altes Klumpp.

8. Die Tafel hat Löcher. Die Bänke haben Löcher und die Tische haben Löcher.

9. Wenn man bei der Tafel nicht fest mit der Kreide drauf drückt würden die meisten Kinder überhaupt keinen Fatz sehen.

10. 0h weh! Es ist schrecklich langweilig in dem alten Kasten.

Klassenzimmer im alten Schulhaus 1965
Klassenzimmer im alten Schulhaus 1965

Glücklicherweise sind die Zeiten, in denen die Schule vor allem "schrecklich langweilig" war, dank des neuen Gebäudes seit dem 4. November 1966 endgültig vorbei. Und da die neue Schule sowieso viel besser und nur noch für die Belange der Schüler da ist, sol­len diese auch das letzte Wort behalten:

"Das geht so nicht weiter, ich komme nicht mehr in die Schule, wenn wir bis Frühjahr keine neue Schule haben."

 

 

Harald Grieb